Sabine Schründer lebt und arbeitet als Künstlerin und Fotografin in Berlin. Ihre Arbeiten, die sich oft mit aktuellen gesellschaftlichen Themen befassen, sind regelmäßig in Ausstellungen in verschiedenen Ländern zu sehen. Sabine ist Fachlehrerin für Fotodesign beim Lette-Verein Berlin und teil der Künstler-Kooperation Benten Clay. Ich hab mir ihr über die Künstlerstadt Berlin, Bilderfluten und ihre Arbeit gesprochen.

Sabine, Berlin hat sich einen interessanten Ruf als Hauptstadt der Kreativen erobert. Da ist viel Wahrheit und viel Hype drin und genug Geld für Kunst gibt es in der Stadt nicht. Wie ist es denn für dich als Künstlerin in Berlin zu leben momentan? 

Es hat sich so viel verändert in den letzten 15 Jahren, mittlerweile ist die ganze Stadt voll von Kreativen und du hast Recht: viel Geld für die Künstler gibt es nicht, da ist eine riesige Kluft zwischen der großen Projektraumkultur und den wenigen etablierten Künstlern und Galeristen, die von ihrer Kunst leben können. Und dadurch, dass immer mehr Künstler in der Stadt sind, wird der „run“ auf die wenigen Stipendien und Förderungen immer größer. Völlig absurd: letztens war ich auf der Besichtigung eines von der BBK geförderten Atleliers in Kreuzberg und ich fühlte mich wie in einem Club während einer after-hour-Veranstaltung: da waren bestimmt 200 Menschen in diesem kleinen Atelier! Völlig ernüchternd, aber auch fast schon wieder lustig.

Doch durch die vielen neuen Sprachen und Gesichter in der Stadt eröffnet sich das Leben hier auch immer wieder neu. Das versuche ich möglichst positiv zu sehen und mir nicht so sehr von den Gentrifizierungsdebatten die Laune verderben zu lassen. Hier passiert einfach immer sehr viel und die Stadt ist in ständiger Veränderung. Ich genieße meine Lehrtätigkeit am Lette-Verein Berlin, arbeite an neuen Ausstellungen und Projekten und gucke einfach, was das Leben für Möglichkeiten bringt.

"arms"

Unsere Welt wird ja immer visueller. Instagram ist da nur die Spitze einer wahren Bilderflut. Welche Bilder lösen bei dir heute noch Aufmerksamkeit aus?

Ich finde das Phänomen der Bilderflut als solches interessant: woher kommt der Drang, das Private zu öffnen und somit aufzulösen und die Frage, wie dadurch die eigene Selbstdarstellung kreiert und die Selbstwahrnehmung beeinflusst wird. Doch die einzelnen Bilder (wenn man sie überhaupt noch einzeln wahrnehmen kann), lösen bei mir überhaupt gar nichts mehr aus. Oder zumindest selten.

Die Flut kommt mir oft vor wie ein großer Autobiografiebrei einer imaginären contemporary-feel-good-Familie. Ich habe noch nicht so ganz verstanden, ob es dabei um Selbstverortung oder Selbstvergewisserung geht.

Es gibt Künstler, wie zum Beispiel Erik Kessels, die diese alltägliche Bilderüberladung thematisieren, das finde ich spannend. Sie arbeiten mit Bildarchiven und eröffnen durch die Neueditierung von gefundenem Bildmaterial eine ganz eigene Welt. Da wird dann klar, dass Fotografie immer nur kontextbezogen gelesen oder verstanden werden kann, bzw. durch eine andere Reflektionsebene etwas ganz neues entstehen kann.

Ich finde es spannend, wenn hinter der Bildoberfläche noch ein Gedankengerüst durchschimmert oder wenn ich etwas nicht verstehe, nicht durchschaue. Wenn ich mich selbst frage, was hinter dem Bild liegt oder was der eigentliche Kern ist. So arbeite ich selbst ja auch oft: das Foto steht dann nicht als Endprodukt oder Ergebnis eines Geschehens, sondern als Ausgangspunkt für ein neue Nutzung oder Interpretation.

Da fängt für mich persönlich das eigentlich Interessante in der Fotografie, beziehungsweise dem Arbeiten mit fotografischen Bildmaterial an.

Ellipsen "Baum"

Du hast gerade eine zweite Auflage von deinem Buch EVA-04 veröffentlicht. Darin setzt du dich mit Identitäten auseinander. Ein spannendes Thema. Worum geht es genau in dem Buch?

Ja, es ist zwar offiziell die zweite Auflage, aber vielmehr die erste “richtige” Auflage des Buchs, womit ich 1999 an der FH Bielefeld mein Diplom gemacht habe. Bisher existierte es nur als Unikatbuch in einer 4er Auflage mit Handabzügen, war also auf dem Fotobuchmarkt nicht existent. Nun aber zum Inhalt: damals wollte ich eine Arbeit machen über „das Bedürfnis anders zu sein“ – anders als man selbst gerade ist, anders als die Gesellschaft in der man lebt es indirekt vorgibt, anders als die anderen. Während meines Studiums hatte ich verschiedene Fotoprojekte über spezifische Jugendkulturen realisiert, das „Eva-04“- Buch fungiert eher auf einer Metaebene, auf der ich mich diesem Gefühl des anderes–sein–Wollens fotografisch annähere. Japan war für mich der ideale Umsetzungsort dafür: dort hat die Gruppe als Gesellschaftsform eine sehr besondere Rolle, so dass ich dort das Geflecht von Individuum und Gruppe, von Gruppe zu Gesellschaft erkunden konnte. In der Arbeit bringe ich Portraits von Jugendlichen im Studio mit situativen Aufnahmen aus dem städtischen Raum zusammen, Stills von Roboterbausätzen ziehen sich durch das gesamte Buch. Unterschiedliche Bildwelten greifen ineinander und obwohl ich die Arbeit in Japan fotografiert habe, sehe ich sie eher als eine universelle Interpretation eines gesellschaftlichen Status Quo und den sich darin befindenden Gruppen und Individuen.

aus "Eva-04"

Orientierung und Identität und das Individuum im öffentlichen Kontext ziehen sich ja ein wenig durch deine Arbeit. Was findest du daran spannend?

Ja, das sind einfach omnipräsente Themen und ich denke die Grundlage für alle möglichen gesellschaftlichen Prozesse und Phänomene – sei es das Erschaffen von neuen Identitäten auf sozialen Plattformen oder der rasante Anstieg des Burn-Outs. Das ist einfach so spannend, wie alles miteinander verbunden ist und was diese Themen an Bildern hervorbringen. Irgendwie geht es doch immer wieder um die Hinterfragung des eigenen Daseins, des eigenen Eingebundenseins in die Gesellschaft. Der permanente Drang des Individuums sich zu verändern, aus einer passiven Stagnation und Isolation auszubrechen, sich den verschiedenen Anforderungen und neuen Lebensrealitäten zuzuwenden. Und natürlich geht es auch um das Bedürfnis nach Sicherheit: Angst und Sicherheitspolitik sind Aspekte, denen man sich nicht mehr entziehen kann. So beleuchte ich in meinen einzelnen Werkgruppen das Themenfeld Sicherheit, Kontrolle, Unruhe – manchmal mit einem eher distanziert-analytischen und manchmal subjektiven und persönlichen Ansatz. In beiden Fällen zeigen die Bilder meine Interpretation von verschiedenen Teilaspekten gegenwertiger Realitäten und der Konfrontationen des Individuums mit den Werten und Strukturen einer modernen Gesellschaft.

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Alle Bilder Copyright: Sabine Schründer