Michael Zwahlen arbeitet seit vielen Jahren als erfolgreicher Stockfotograf für internationale Agenturen. Um als Bildproduzent erfolgreich zu sein, muss ein Fotograf die Bedürfnisse der Endkunden ebenso kennen wie die Anforderungen der Bildagenturen, die diese Kunden bedienen.

Michael schenkt euch hier wertvolle Praxistipps und erläutert einzelne Auszüge aus seinem neu erschienenen Buch »Stockfotografie«. Sein Wissen steht damit insbesondere Einsteigern, aber auch professionell tätigen Bildproduzenten unterstützend zur Seite.


Wer in einer Kollektion mit mehr als 100 Millionen Bildern auffallen will, muss sich mit dem Markt beschäftigen. Was wird gekauft, was wird benötigt, was läuft gut und wie fotografiert man es am besten?

Allerdings besteht hier natürlich schnell die Gefahr, dass man zu oft einfach das nachmacht, was andere bereits vorgemacht haben. Und gegen Bilder mit einer guten Positionierung und langen Verkaufshistorie kämpft man oft schwer oder vergeblich an.

Also hilft es, bekannte Themen auf ungewöhnliche, neue und spannende Art und Weise darzustellen. Hier fällt die Konkurrenz dann oftmals deutlich geringer aus. Nicht immer gelingt es aber, sich außerhalb gewohnter Denkmuster zu bewegen. Wer sich diesem Ansatz aktiv öffnet, dem hilft ab und zu auch mal der Zufall – man muss die Chance und das Bild darin nur erkennen!

Einer meiner fotografischen Bereiche sind einfache Gegenstände oder auch Essen, meist freigestellt auf weißem Hintergrund. Was simpel aussieht, braucht Erfahrung. Das korrekte Ausleuchten der Objekte ist oftmals wirklich harte Fleißarbeit.

Da kommt eine Stärkung während des Shootings doch gerade recht. Also wird auch ein bereits abfotografierter Apfel dann schnell mal gegessen. Dabei fiel meiner Kollegin Maartje van Caspel und mir auf, dass der “Apfel auf weiß” nun wahrscheinlich kein wirklich innovatives Bildkonzept ist. Also haben wir den Apfel direkt noch einmal fotografiert:

shutterstock_130407170
Single red apple eaten down to the core, isolated on white background

Fast 300 Downloads und rund $270 in Lizenzeinnahmen haben uns dabei Recht gegeben. Und wer aus den eigenen Erfahrungen lernt, kann davon profitieren. Natürlich haben wir die Grundidee später weiter fortgeführt.

Auch für süße Produkte findet sich in meiner Familie mit zwei Erwachsenen und drei Kindern natürlich immer ein Abnehmer. Zum Glück mußte ich nicht alle Donuts alleine essen, die ich in einem späteren Shooting vor meiner Linse hatte.

shutterstock_134358938
Single red sugar coated doughnut with sprinkles

Mit mehr als $50 für dieses Bild alleine waren die Einkäufe des Tages alleine schnell finanziert. Zum Vergleich: Der komplette Donut hat sich recht flott für rund $30 verkauft, ein gleichzeitig fotografierter brauner Schokolade-Donut sogar nur für etwa $10.

Wenn man eine Grundidee hat, läßt sich diese natürlich auch in andere Bereiche übertragen. Nicht nur Essen kann man auf ungewöhnliche Weise darstellen. Ein Glücksfall war es für mich, dass eines Tages mein Sparschwein zu Bruch gegangen ist.

shutterstock_134408171
Broken piggy bank

Das Schwein hatte ich für ein Fotokonzept im Jahr 2009 gekauft und es hatte sich eigentlich schon bezahlt gemacht. Aber so richtig wertvoll wurde es erst, als es in Scherben herumlag. Mit dem obigen Bild habe ich bis heute bei Shutterstock mehr als $250 in Lizenzen verkauft, dazu gibt es einige Varianten des Bildes, denn ein kaputtes Sparschwein lässt sich natürlich für viele verschiedene Konzepte verwenden.

Wir fotografieren nicht ausschließlich Essen und extra für Fotos eingekaufte Requisiten. Nach Möglichkeit fotografieren wir alles, was wir neu einkaufen, ob Werkzeuge oder Kleidung.

Auch hier ließ sich die Grundidee übertragen: Unser inzwischen sechsjähriger Sohn braucht alle paar Monate ein paar neue Schuhe. Viele davon haben wir direkt nach dem Kauf fotografiert, denn nach nur zwei, drei Tagen sind die Schuhe kaum noch fotogen.

shutterstock_157577396
Pair of dirty, worn out blue sneakers

Das wiederum läßt sich aber auch fotografisch nutzen, denn neuwertige Schuhe in jeder Form und Größe finden sich überall. Aber wer kommt schon auf die Idee, die ein Jahr alten, völlig ausgetretenen Schuhe seines Kindes vor die Kamera zu legen? In diesem Fall hat sich das nicht ganz so ausgezahlt wie die anderen Beispiele, aber für ein paar neue Schuhe hat es dann doch noch gereicht.

Zusammengefasst hier drei elementare Anbieter–Tipps:

1. Setzt die von euch fotografierten Objekte möglichst neu und ungewöhnlich in Szene.

2. Beobachtet die Welt um euch herum genau, auch während und nach einem Shooting. Nicht selten entstehen so noch viele weitere Bildideen.

3. Nur weil etwas nicht (mehr) perfekt aussieht, ist es nicht für Stockfotos ungeeignet – ganz im Gegenteil!


Mein Buch »Stockfotografie« ist hier erhältlich » Ihr habt Fragen, Kritik oder Anmerkungen zum Artikel – ich freue mich über Kommentare!

Euer Michael

Michael Zwahlen
Michiganseestrasse 3
10319 Berlin

Stil: Landschaft, Portrait, Redaktionell // Themen: Architektur, Business, Finanzen, Natur, Reisen // Ausrüstung: Canon 5D Mark II, Sony a6000, iPhone 6 Plus

Bild im Header: Vector camera in flat style – taking photo von venimo