Vor 15 Jahren löschte der französische Künstler, Hacker und Dozent Benjamin Gaulon aus Versehen eine Datei und entdeckte ein daraufhin völlig verzerrtes Bild. Die Idee, dass eine Datei – ähnlich einem physischen Objekt – beschädigt und digital verschmutzt werden konnte, ließ Gaulon daraufhin nicht mehr los. Er wollte seine Beobachtung weiter untersuchen und sammelte beschädigte Dateien bzw. Bilder davon in einer eigens dafür angelegten Datenbank.

Seitdem beschäftigt er sich mit digitalem Recycling und macht zerstörte Dateien und Fehlbilder zur Kunst.

Corrupt (Kurzversion 2) von Recyclism auf Vimeo

Technisch gesprochen ist eine zerstörte Datei eine geringfügige Systemstörung, die auftritt wenn vereinfacht erklärt eine 0 zur 1 wird oder umgekehrt. Indem man die beschädigte Datei über unterschiedliche Software einliest, erhält man sich unterscheidende Ergebnisse, die auch visuell auftreten.

»Genau das ist daran so spannend«, sagt Gaulon. »Die Idee von etwas Unvorhersehbarem, dass sich relativ einfach reproduzieren lässt.« Aus seiner Sicht ähneln die Ergebnisse absichtlich verzerrter »Noise Music« oder dem präparierten Piano. Die auf den Seiten des Pianos platzierten Gegenstände verändern hier den Sound des Instruments. »Auch zu visuellem Lärm bestehen ganz spannende Parallelen«, sagt Gaulon. Viele Maler haben »Lärm und absichtliche Störungen oder Unfälle für sich entdeckt«, darunter zum Beispiel auch der Expressionist Jackson Pollock.

Störungen im Trend

Bilder technischer Fehler, sind heute in ganz verschiedenen Bereichen und Industriezweigen zu beobachten. Insbesondere in den letzten Jahren haben unterschiedliche Künstler und Designer mit dem Konzept der Störung & Verzerrung experimentiert. Im Jahr 2014 wurden auf einer Modemesse in Tokyo Modedesigner und Künstler vorgestellt, die gestörte Dateimuster und verzerrte Bilder zu tragbaren Designs machen.

glitch art fashion
Dieser Mantel der japanischen Künstler Nukeme und Ucnv wurde auf einer Ausstellung in Tokyo präsentiert, die textile Anwendungen verzerrter Bilder in der Mode begleitete. Bildquelle: The Creators Project.

Schon im Folgejahr erblickte der animierte Kurzfilm »Glitch noir« das Licht der Welt. In der Animation werden Stilrichtungen des Film noir mit verzerrten Bildmotiven kombiniert. Im Ergebnis besticht durch den Kontrast: Eine düstere Handlung wird mit lebendigen, grellen Farben unterlegt, gepixelte Darsteller spielen in Alltags-Szenerien.

Glitch Noir von SyntheticLives auf Vimeo

Heute kann man fast überall verzerrte bzw. gestörte Dateigrafiken entdecken, solche Bilder zählen nicht ohne Grund zu den führenden Kreativtrends 2017. »Störungen sind zum ästhetischen Stilmittel avanciert und zählen heute zur Populärkultur«, sagt Rosa Menkman, eine niederländische Künstlerin und Forscherin, die das den Trend begleitende Buch The Glitch Moment(um) geschrieben hat. »Einerseits gibt es kritische Konzeptkünstler, die die Technik zur Kirtik einsetzen – auf der anderen Seite ist genau diese Ästhetik bereits fester und geliebter Part eben derselben Kultur.«

Menkman und Gaulon zählen zu ersten Künstlern einer ganzen Gruppe von Kreativen, die Störungen dazu verwenden, Verbindungen zwischen Menschen und Maschinen darzustellen und wie Menkman sagt, »das anzusticheln, was allgemein unangebracht scheint«. Gaulon zum Beispiel hat eine Arbeit namens »KindleGlitched« herausgebracht, die elektronischen Müll kommentiert. Gaulon erstellt immer neue Störungsbilder, die über den Screen eines Amazon Kindles konsumiert werden und »führt die Störungen so als Amazon-Device ganz neu in unser Wirtschaftssystem ein«.

Beide Künstler vereinfachen auch die Erstellung sogenannter »Glitch Art«, der Ästhetisierung von digitalen oder analogen Fehlern. Auf ihrer Website stellt Menkman einen Schritt-für-Schritt-Leitfaden zur absichtlichen Produktion solcher Fehler zur Verfügung. Gaulon programmierte eine Software, die ganz bewusst digitale Fehler erzeugt. Damit können Anwender ganz einfach eigene Arbeiten und Kunst mit Störungen, Verzerrungen und allen denkbaren Fehlern entstehen lassen.

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Benjamin Gaulons Projekt »YouGlitch« arbeitet mit Software, mit der User Webcam- und Desktop-Videos stören lassen können. Ergebnisse werden in einer Online-Galerie gesammelt. Bildquelle: YouGlitch.

Kunst in Popkultur und Design

Inzwischen haben sich alle möglichen Konsumenten und Zielgruppen in Störungen und Fehler verliebt, die jetzt in allen denkbaren Formen auftauchen und als ästhetisches Stilmittel eingesetzt werden. Erst letztes Jahr hat ein Künstler namens Brachy solche digitalen Veränderungen bzw. Störungen in das beliebte Location-based Game Pokémon Go integriert und damit eine neue, ungesehene Form von Kunst erzeugt. Im letzten Monat ging eine bewusst erzeugte Störung in einem Videospiel viral, als ein Spieledesigner, das Videogame mit Michael Jacksons Clip »Billie Jean« kombinierte. Sein 30-Sekunden-Video verzeichnete schnell über 1,6 Millionen Views.

Science-Fiction-Serien wie Black Mirror und Dark Net haben den visuellen Trend mit befeuert, indem mit den Formaten aktiv Themen des Internets und von Digital Media begleitet werden. In beiden Sendungen werden Beziehungen von Mensch und Maschine bzw. modernen Technologien kreativ zu überdacht und deren Bedeutung neu bewusst gemacht.

Der Spagat zwischen Technik und Mensch passt perfekt zu dem Bild, das Störungen und Verzerrungen repräsentieren. Gaulon glaubt, dass Kunst, die auf digitale Störbilder baut, Maschinen sehr viel verletzlicher erscheinen lässt. »Menschen machen Fehler«, sagt er. »Störungen manifestieren sich in Abweichungen. Wenn wir das Versagen einer Maschine beobachten, ist das auch irgendwie beruhigend.«

Das ist wahrscheinlich genau das, was Betrachter an Störungen so reizvoll finden. Fehler und Zerrbilder erinnern uns daran, dass auch sehr mächtige und völlig neue Technologien Schwachstellen in sich tragen. Gleichzeitig üben die irren, unperfekten Bilder visuelle Anziehung aus. Gaulon sagt, dass die Glitch Art eine Form von »Cyberpunk Ästhetik« feiert und die allgemein beliebte Ästhetik zu weltweiter Popularität gesorgt hat.

Aktuell arbeiten Designer mit beschriebenen Störeffekten und -bildern und machen die Visuals beispielsweise zu Schuhen. Adidas verkauft einen Sneaker, dessen Optik stark an digitale Zerrbilder erinnert and McQ by Alexander McQueen verkauft einen Pulli, auf dem ein »digital verzerrter Hase« zu sehen ist.

glitch art fashion
McQ by Alexander McQueen’s Glitch Bunny Clean Crew Sweatshirt embraces the glitch design trend. Credit: McQ.com.

Auch in der Zukunft könnt ihr fest mit digitalen Zerrbildern rechnen, der Trend ebbt noch lange nicht ab – im Gegenteil. Die Trendforscherin Geraldine Wharry hat beispielsweise prognostiziert, dass ein stark verzerrter Print-Stil namens »Tropical Glitch« seinen Weg in die Frühjahrs- und Sommermode 2018 finden wird.

glitch art clothing
Das Textilstudio Patternbank stellt Anwendern verschiedene Prints von Störungen zur Verfügung. Diese können beispielsweise zu Kleidungsstücken oder Bettwäsche werden. Unter den Abbildungen findet man auch diese verzerrten VHS-Bilder von Palmen. Bildquelle: Patternbank

Von Zerrbildern, Fehlern und digitalen Störungen inspiriertes Design trägt vielleicht nicht die intellektuelle Tiefe und Bedeutung von Gaulons und Menkmans Kunstwerken in sich. Aber selbst diese einfachen, visuell spannenden Verweise treffen Aussagen und bedeuten Konsumenten etwas. Vielen von uns wird es bei der Betrachtung solcher Bilder und Grafiken wie Gaulon gehen, als er vor Jahren sein erstes digitales Zerrbild entdeckte. Große Zielgruppen können sich dem visuellen Reiz und der Faszination, den technische Fehlbilder ausüben, nicht erwehren. Das Falsche, das Ungewöhnliche und Unbequeme an diesen Bildern zieht uns wie magisch an.

Störungen zählen u. a. zu den führenden Designtrends 2017 – der Trend wurde auch in Shutterstocks Trendreport 2017 vorgestellt. In unserer jährlich erscheinenden Infografik könnt ihr viele weitere kulturelle Trends, Social-Media-Trends, Design- und Videotrends entdecken.