In unserer monatlichen Reihe “Neue Heimat… New York City” stellen wir deutsche Kreative, Künstler und Unternehmer vor. Heute unterhalten wir uns mit Eva von Schweinitz, gebürtig in Nordrhein-Westfalen. Sie studierte Drehbuch an der ifs – internationalen filmschule in Köln und zog nach ihrem Abschluss 2008 nach New York, um die Geschichten, die das Leben schreibt, direkt selbst zu erfahren. Eva schenkt uns einen tollen Einblick hinter die Kulissen Ihrer Arbeit.

Erzähl uns über Deine Herkunft und Werdegang?

In meiner Heimatstadt Bonn war die Brotfabrik sozusagen meine Kulturwiege. Dort habe ich Theater geguckt, stand dann seit dem 18. Lebensjahr auch selber auf der Bühne, und habe als Filmvorführerin in der dort ansässigen Kinemathek gearbeitet. Damit wurde bestimmt auch der Grundstein für meine vielseitigen Interessen gelegt, z.B. auch, dass ich mich nie für eine Kunstrichtung entschieden habe. Ich wollte immer alles machen. Zum Filmstudium bin ich dann nach Köln gezogen und danach zog es mich nach New York, wo ich bis heute als interdisziplinäre Künstlerin lebe und arbeite. 2012 habe ich mich dann nochmal für ein MFA Studium im Bereich Performance und interaktive Medienkunst am Brooklyn College entschieden, das ich letztes Jahr im Mai abgeschlossen habe.

In der Lower East Side auf dem Weg zum Film Forum

Warum bist Du nach NYC gekommen und seit wann bist Du hier?

Die Zeit vergeht so schnell; ich bin jetzt tatsächlich schon seit 7 Jahren hier. Durch meine Eltern, die bei der sogenannten ”Visa Lotterie“ mitgemacht hatten, habe ich eine Greencard seit ich 17 bin. Nachdem ich drei Jahre Drehbuch studiert hatte, wusste ich: Ich kann jetzt erstmal nicht hauptberuflich alleine am Schreibtisch sitzen, ich will noch mehr ausprobieren. Ich war mir ziemlich sicher, dass New York das auch bieten kann und so war es dann auch. Aus meinem allerersten Praktikum bei Elevator Repair Service wurde ein bezahlter Job. Da habe ich die Projektionen für das Stück ”The Sound and the Fury“ gemacht, das jetzt übrigens im Mai Wiederaufnahme am The Public feiert. Danach habe ich mich von Projekt zu Projekt gehangelt und auch wieder einen Job als Kinovorführerin gefunden, nämlich im Film Forum, das ich mit seinem kuratierten Programm aus Retrospektiven und internationalen Indie-Premieren sehr schätze. Seit einem Jahr springe ich nach Bedarf auch öfters beim MoMA ein.

Eingang zum Film Forum

Wie sieht Dein Alltag aus?

Eigentlich immer anders. Wenn ich gut bin, stehe ich morgens früh auf und beantworte erstmal keine E-Mails, sondern bleibe komplett offline und arbeite 2-3 Stunden kreativ an dem Projekt, mit dem ich mich gerade beschäftige. Der Jetlag, den man hat, wenn man aus Deutschland zurück kommt, ist dafür extrem hilfreich. Allerdings genieße ich es auch, dass mir mein Freiberuflerinnen-Dasein erlaubt, mal auszuschlafen und den Tag später anzufangen. Grundsätzlich dreht sich mein Tagesablauf immer um eine Mischung aus Kreativem und Organisatorischem, aus längerfristigen Planungen und inhaltlichem Arbeiten. Wenn ich in Projekten stecke, die sich dem Ende nähern, nehmen sie aber häufig dann ganze Tage, Nächte und alle Energie in Anspruch. Ohne feste Arbeitszeiten muss man sich oft zwingen, irgendwann Schluss oder zumindest Pausen zu machen. Dann gehe ich Joggen, ins Café oder mache einen Mittagsschlaf. Häufig arbeite ich auch nicht nur allein, sondern mit anderen KünstlerInnen und Kreativen zusammen an einem Projekt. Dann gibt es entweder regelmäßige Treffen oder durchgehende wochenlange Probenzeiten. Ca. 2 Mal die Woche arbeite ich im Kino, das sind meistens sehr lange Arbeitstage zwischen 8 und 14 Stunden.

Filmstill aus A Film Is A Film Is A Film

Am Umrolltisch werden neue Filme auf Risse und Schmutz geprüft

Was fasziniert Dich an Deiner Arbeit im Kino?

Ich bin jetzt seit über 10 Jahren Vorführerin und die Arbeit hat sich stark verändert. Die Faszination am Anfang war natürlich die Möglichkeit hinter die Kulissen zu schauen und selber von dort aus das Licht auf der Leinwand aufflackern zu lassen. Ich habe die klassische Überblendung zwischen zwei Projektoren gelernt und lange lange gemacht. Über die Zeit wurde immer mehr automatisiert und jetzt vor allem digitalisiert, dadurch habe ich oft gar nicht mehr so viel zu tun, außer dafür zu sorgen, dass die Filme starten und ohne Probleme bis zum Ende laufen. Das finde ich schade. Ich mochte die haptische Arbeit immer, Film einlegen, umspulen, und dafür zuständig zu sein, dass die Überblendungen gut aussehen.

Nach jeder Überblendung wird noch einmal die Schärfe überprüft

Du hast einen neuen “A Film A Film Is A Film Is A Film“, der diesen Januar beim Stuttgarter Filmwinter seine Deutschland Premiere gefeiert hat. Was ist die Idee / Um was geht es im Film genau?

In meiner Kurzdoku geht es genau um die oben beschriebene Veränderung meines Berufes, die Umwälzung weg vom Zelluloid hin zum Digitalen. 2012, als ich angefangen habe zu drehen, wurden weltweit in vielen Kinos problemlos funktionierende 35mm-Projektoren abgebaut und durch digitale Projektoren ersetzt. In der Presse erschienen ständig Artikel, die den Tod des Zelluloid vorausssagten. Hintergrund war, dass viele Hollywood-Studios angekündigt haben, nur noch digitale Formate herzustellen und zu verleihen. Ich dachte, verdammt, ich muss dazu was machen, aus meiner Perspektive als Vorführerin, ich will noch einmal meine Welt zeigen, bevor sie weg ist – den Moment festhalten, in dem sie sich verändert. Also habe ich Roger begleitet, der in New York so ziemlich jeden Filmprojektor repariert hat, und der jetzt diesen Umbau vornehmen muss. Außerdem habe ich angefangen, meine eigenen Experimente mit 16mm-Film zu machen. Es ist ein sehr persönlicher Film. Der Vollständigkeit halber muss ich sagen, dass jetzt 2015, Zelluloid immer noch nicht tot ist und dass ich sowohl im Film Forum, vor allem aber auch im MoMA, wo nur manuell überblendet wird, noch 35mm und 16mm zeige. Ich hoffe, das bleibt noch lange so.

Eva während der Dreharbeiten zu Ihrem Film

Siehst Du Unterschiede zur Arbeit einer Regisseurin/Künstlerin in den USA und Deutschland?

Aus persönlicher Sicht ist das schwer zu sagen, denn meine Professionalisierung hat ja tatsächlich erst begonnen, als ich nach New York gezogen bin. Allgemein kann ich sagen, was mir schon beim allerersten Praktikum aufgefallen ist, nämlich dass die in Deutschland oft als Oberflächlichkeit verpönte Freundlichkeit unglaublich hilft, das Arbeitsklima freundlich und positiv zu gestalten. Wenn sich am Ende des Tages jemand bei mir für meine Arbeit bedankt hat, auch wenn ich selber vielleicht gar nicht fand, dass ich so viel gemacht habe, dann hat sich das gut angefühlt und vermittelt: “You matter.” Genauso habe ich den Eindruck, dass man hier schneller ein “Ja”, in Deutschland schneller ein “Nein” bekommt. Vor allem, habe ich hier aber auch gelernt, weniger bescheiden zu sein und auf Leute zuzugehen. Es ist keine Angeberei, wenn man mit Leidenschaft von seiner Arbeit spricht und man wächst nicht, wenn man sich klein macht.

Was macht für Dich NYC aus und was gefällt Dir an der Stadt am besten?

Hier leben viele Leute die unglaublich hart arbeiten, Leute die was erreichen wollen. Mir gefällt, dass hier jeder für etwas brennt. Und das Theater-, Film und Kunst-Angebot ist gigantisch. Ich glaube, ich fühle mich auch sehr mit dieser Stadt verbunden, weil ich hier gefühlt erwachsen geworden bin. Hier habe ich zum ersten Mal auf eigenen Beinen gestanden, habe angefangen zu arbeiten und alle Entscheidungen waren meine eigenen. Deshalb bedeutet diese Stadt für mich Freiheit, auch wenn es leider nicht für alle, die hier leben so ist und noch viel im Bereich der sozialen Gerechtigkeit passieren muss.

Was sind Deine Lieblingsplätze/Essen in NYC?

Ich fahre sehr gerne mit dem Fahrrad durch die Stadt und ein Lieblingsmoment von mir ist immer, über eine der Brücken zu fahren. Wenn nämlich manchmal der Stress groß ist, ist das häufig ein Moment, in dem ich die Stadt wieder sehe, mit ihrer Skyline und ihren Lichtern und denke, krass ich bin hier. Seit ich letztes Jahr ein Performance-Projekt im Brooklyn Navy Yard gemacht habe, zählt er definitiv auch zu meinen Favoriten. Dieser Ort direkt am Wasser zwischen Manhattan Bridge und Williamsburg Bridge, eröffnet einen ganz neuen Blick auf Manhattan.

Borscht Suppe bei B&H auf der 2nd Ave

Zum Essengehen ist mein absoluter Lieblingsplatz B&H auf der 2nd Ave, ein super kleiner, günstiger, vegetarischer Diner aus den 50ern, auf den ich durch Zufall bei einem meiner ersten Streifzüge durch New York gestoßen bin. Es ist fast schon ein Ritual, dass ich dort Borscht essen gehe, wenn ich in der Gegend bin. Dazu gibt es Challa Brot mit viel Butter. Meine Freunde, die zu Besuch kommen, schleppe ich meistens sofort in die Barcade in Brooklyn, die mit Arcade Games vollsteht und eine riesige Auswahl an nationalen Bieren hat, inklusive Starkbier. In Bezug auf Theater und Kino empfehle ich außer den bisher genannten Orten: ps122, The Kitchen, BAM, Soho Rep, Abrons Arts Center, Anthology Film Archives und wenn man dann noch nicht genug hat, liegen dort genügend Flyer aus, die einen immer weiter führen.

Was fehlt Dir an Deutschland, was es nicht in NYC zu kaufen gibt?

Brot! Zum Glück gibt es in den meisten Supermärkten Schwarzbrot, aber so ein richtig gutes, saftiges Grau- oder Roggenbrot, hach, das ist kaum bis gar nicht zu finden. Ach, und mehrlagige Taschentücher.

Eva von Schweinitz
www.brainhurricano.org

©Fotos: Philippe Intraligi & Eva von Schweinitz