Quintessenz, das sind Thomas Granseuer und Tomislav Topic. Ihre Büros befinden sich in Berlin und in Hannover. Als sie sich 2008 selbstständig machten, waren sie zu fünft, seit 2012 arbeiten sie zu zweit. Thomas und Tomislav haben bereits während des Studiums an der HAWK in Hildesheim zusammengearbeitet, beide kommen aus der Graffitiszene.

Wenn man mit Thomas und Tomislav spricht, wird eine beinahe kindliche Begeisterung für Farbe, Wandgestaltung, Illustrationen, Installationen, Film und Animation spürbar. In ihren Arbeiten verbinden sie Analoges mit Digitalem und umgekehrt, was auch die Werkstatt und die vielen Objekte neben ihrem Arbeitsplatz beweisen.

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Quintessenz realisiert neben Aufträgen für Kunden wie Red Bull, Converse, Jägermeister, Bosch immer noch viele freie Projekte. Für sie ist es entscheidend, eine gute Balance zwischen freien und angewandten Kundenarbeiten zu halten. Auf Tour gehen, sich auch mal treiben lassen, Experiment und Freiheit macht notwendige Freude, neue Wege und Ideen und deswegen auch sehr gute Ergebnisse aus. Vor dem Büro in Berlin steht ein abfahrbereiter, weißer Transporter, den sie ihr „Mobil“ nennen.

Wie geht Ihr an einen Auftrag heran?

Völlig unterschiedlich, je nach Kunde. Natürlich gibt es eine gewisse Struktur, Gespräch, Skizze, Präsentation. In der Anfangsphase darf man auch ruhig mal mit einem Bierchen in der Hand herumspinnen. Wir halten uns vieles offen, auch im Sinne des Kunden, und dann spricht auch manchmal noch das Wetter ein Wörtchen mit. Wenn es mal nicht so flowt, sollte man sich aber auch nicht völig abkrampfen, das tut doch niemandem gut.

Was ist Euch wichtig?

Unser Hirn und unser Bauch. Urbanität, Bilder, Menschen und Erfahrungen und Emotionen. Das macht Quintessenz mit aus. Bei uns liegt zudem ein Hauptaugenmerk auf Handmade, wir gestalten öffentlichen Raum, Wände, Festivals, Events und arbeiten nicht nur mit Programmen, sondern setzen Pinsel, Sprühdose, Hammer und Panzerband ein. Und noch vieles mehr.

Braucht Ihr Computer überhaupt?

Brauchen nicht, der Computer erleichtert aber viel. Alle unsere Arbeiten gehen letztendlich den Weg durch irgendwelche Programme. Wir versuchen aber, den Handmade-Charakter digital nicht zu verfälschen, eben um diesen Charakter und somit die Nachvollziehbarkeit eines Schaffensprozesses aufrechtzuerhalten.

Wollt Ihr wachsen, Angestellte haben und Hochhäuser besitzen?

Wir sind nicht so groß, dass wir Angestellte durchbringen könnten. Außerdem wollen wir flexibel bleiben. Oft werden wir von Agenturen wie Spiekermann, Cromatics oder SichtArt gebucht. Wachstum muss nicht nur Angestellte und schiere Bürogröße heißen …

Ihr habt sehr viel Freude an dem, was Ihr tut. Gibt es denn gar nichts Schwieriges?

Na klar, immer. Aber deswegen wird die Freude nicht weniger. Da wir für sich stehende Arbeiten fertigen, mit neuen Materialien arbeiten und neue Werkzeuge einsetzen und sich eine Installation niemals 1:1 wiederholt, muss man ständig dazulernen und sehr wach bleiben. Aber genau das, das Ideenfinden und Ausarbeiten macht den Spaß an der Arbeit aus. Alles und jeder Ort, jedes Detail kann einen inspirieren, man muss sich nur die Zeit nehmen und genau hinschauen. Und ein gewisser Druck und etwas Anspannung ist oft gut. Zu zweit hält man das locker aus.

Was ist deutsches Design?

Gibt es überhaupt noch ein klar zu definierendes deutsches Design? Trends kommen und gehen, wir werden immer wieder Dinge aus der Vergangenheit wiederentdecken, die neu interpretiert werden. Prof. Dr. Sabine Foraita würde jetzt sagen: „Zukunft braucht Herkunft.“

Vor welcher Herausforderung stehen Designer heute?

Erst wer die Leidenschaft für seine Arbeit wirklich erkennen kann, stellt sich den immer wieder neuen, völig eigenen Herausforderungen, an denen er schlussendlich wächst.

Ist Deutschland wichtig?

Egal wo auf der Welt du arbeitest und lebst, wichtig sind die Menschen um dich rum, die dich inspirieren, motivieren und mit denen du gute Gespräche führen kannst, die dich nachdenken lassen und glücklich machen.

„Analog Mensch Digital“ – Was soll das?

Heute ist der Nutzen digitaler Medien nicht mehr wegzudenken. Wir sind ein Teil davon und stehen unter ständiger Beeinflussung. Man kann sagen, dass Computer, Smartphones und Tablets ein Teil von uns geworden sind – im Rauschen eines dauerhaften Flimmerns stehen wir in Interaktion.

Und was sollen wir jetzt tun?

Wir sollten viel bewusster mit digitalen Medien umgehen. Insbesondere wir als Gestalter müssen eine wirklich notwendige, wichtige Auseinandersetzung schaffen.

Wie kam es zu Eurem Entwurf?

User hinterlassen Spuren, digitale Fingerabdrücke im Netz, die in der Masse und Informationsflut nach und nach verschwimmen. Je mehr Zeit man in digitalen Welten verbringt, desto undeutlicher wird das Bild eines Nutzers. Eben genau umgekehrt, wie viele meinen. Undeutlicher! Auf unseren Plakatarbeiten wird Personen ein geordnetes Farbmuster aufgeschlagen, Bildinformationen verschwinden mittels Prozess. Älteren Personen haben wir so mit Absicht mehr Informationen entnommen. Je länger man sich in digitalen Welten aufhält, desto undeutlicher wird das, was wir von dieser Person wahrnehmen und spüren können.

Wie funktioniert die Idee im Raum?

Starre, monumental wirkende und mit Raster bespannte Rahmen spiegeln die analoge Realität wider, in der wir Menschen uns bewegen, leben, sie beeinflussen und verändern. Steht der Betrachtende still und fixiert seinen Blick, kann man Ruhe und Klarheit erleben. Bewegt man sich durch den Raum, wird das Bild unklar, unruhig, der Moiré-Effekt wird sichtbar. Man erkennt sein Gegenüber immer schwerer. Die Installation wird durch die Interaktion zwischen Raum und Betrachter zum Leben erweckt. Bewegungen beeinflussen unsere Wahrnehmung. Der Mensch ist Teil einer Raumwahrnehmung, die oft als grundsäzlich gegeben hingenommen wird. Der Mensch wird zum fraktalen Element, ähnlich der Nutzeridentität innerhalb digitaler Welten.

Design Director: Philippe Intraligi
Text & Interview: Valentin von Vacano

Fotos: Julian Baumann
Kamera: Halil Özet, Tomislav Smiljanic
Ton: Tomislav Smiljanic
Schnitt: Leonhard Lierzer

Analog Mensch Digital – Design an der Schnittstelle

Analog Mensch Digital ist eine Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit 10 wegweisenden deutschen Design-Studios realisiert wurde. Deutsche Designer präsentieren Visionen menschlicher Existenz innerhalb von digitalen Welten. Wie fühlt sich unser Morgen an? Was ist bereits möglich und was soll Technik in Zukunft für uns leisten? Plakate, Happenings, Interviews und Rauminstallationen begleiten die Ausstellung.

Die Ausstellung bleibt vom 6. – 15.9.2014, 12.00 – 18.00 Uhr für Besucher geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Den im Video eingesetzten Sound gibt’s auf Shutterstock Musik:

Broken Windwos von Mr. J. Medeiros

Harp De Funk von Korky

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