Shutterstock macht die Arbeit spannender Kreativer bekannt und beleuchtet neue Wege etablierter Unternehmen. In Berlin haben wir Christine Lange und Patrick Marc Sommer getroffen. Mit ihrem Designstudio Langesommer haben sie sich auf Editorial Design, Buchgestaltung und Corporate Design fokussiert und arbeiten für Kunden wie Design made in Germany, Einstürzende Neubauten und das Jüdische Museum Berlin. 

Christine, Patrick – eure Projekte sprechen für sich. Könnt ihr 5 exemplarische Arbeiten vorstellen?

Christine: Ich fange einfach mal mit einem ziemlich aktuellen Projekt an … ein Kompendium zu den 100 wichtigsten Dingen – »Das erste Buch der letzten Wahrheiten«. Da ging es um die Buchgestaltung einer Sammlung von 100 Texten und den 100 dazugehörigen Fotografien der 100 wichtigsten Dinge. Herausgeber und Initiator des Projekts ist das Institut für Zeitgenossenschaft, ein Zusammenschluss aus Geisteswissenschaftlern und Künstlern, die das Projekt bereits vor zwei Jahren starteten. Letztlich konnten sie den Hatje Cantz Verlag für ihr Projekt begeistern, der das Buch im Dezember 2015 zusammen mit dem Im Erscheinen Verlag herausgebracht hat.

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Unsere Aufgabe war es, dem Kompendium an Objekten und Texten den notwendigen gestalterischen Rahmen zu geben. Insgesamt spielt das Buch mit einer leicht übertriebenen Wissenschaftlichkeit der Texte, was dem Ganzen eine zusätzliche Ebene schenkt. Durch die umfangreiche Seitennavigation wollten wir diesen leichten Schwung an Ironie auch hier unterbringen. Ein Projekt, bei dem Gestaltung und Inhalt einfach sehr gut zusammenspielen.

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Als nächstes fällt mir die Gestaltung für das Jüdische Museum Berlin ein. Es handelte sich um einen Pitch und es ging um die weltweit einmalige Sammlung von René Braginsky (Braginsky Collection), der historische hebräische Schriften, Drucke und kunstvoll gestaltete Bücher gesammelt hat. Der Titel der Ausstellung »Die Erschaffung der Welt« bringt zum Ausdruck, dass die hebräische Schrift als Ursprung des jüdischen Kulturguts zu betrachten ist, was natürlich auch die Gestaltung vermitteln sollte.

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So stand die Idee, den ersten Buchstaben des hebräischen Alphabets, das Alef, kunstvoll aus Tinte entstehen zu lassen, als Sinnbild für den Ursprung. Diese Idee hat auch das Jüdische Museum überzeugt und wir durften dieses Key Visual ür die Ausstellung weiterentwickeln. Insgesamt haben wir dann alle Kommunikationsmittel und die gesamte Außenwerbung für die Sonderausstellung umgesetzt, was im Speziellen wegen der Thematik und dem Auftraggeber ein spannendes Projekt war.

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Patrick: Ein sehr interessantes Projekt war auch das Erscheinungsbild für die Performance »Lament« der Einstürzenden Neubauten. Blixa Bargeld hat zufällig eines unserer Plakate für das Jüdische Museum in Berlin gesehen und uns daraufhin angefragt. Das Album ist kein klassisches Neubauten-Album, sondern sollte eigenständig funktionieren. »Lament« ist eine Performance zur Erinnerung an den ersten Weltkrieg und entstand als Auftragsarbeit der Region Flandern.

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Viel Freude machen uns auch immer die Covergestaltungen für die novum. Wir interpretieren das jeweilige Thema frei und arbeiten mit verschiedenen Papieren und Veredelungstechniken. Für das Thema »book design« wurde das Magazin mit einem Hardcover-Einband, Leinenbezug und Siebdruck umgesetzt, das Magazin wurde also wie ein hochwertiges Hardcover-Buch produziert, etwas in dieser Form Einmaliges.

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Beim Thema »Creative Paper« haben wir die besondere Oberflächenstruktur des Naturpapiers wirken lassen, gefaltetes Papier visuell dargestellt und die Kanten durch eine Blindprägung hervorgehoben.

Christine: Der für unsere Zusammenarbeit eigentlich entscheidenste Kunde war das Revue Magazin, das wir 2012 als unser erstes gemeinsames Projekt neu gestaltet und bis 2014 betreut haben. Die Revue ist ein monothematisches Gesellschaftsmagazin das bis zu dreimal jährlich erschienen ist.

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Jedes Magazin stellte uns vor eine wiederum neue Herausforderung, da es zum einen redaktionell als auch gestalterisch eine Fortentwicklung vollzog. Leider musste das Magazin dann Ende 2014 eingestellt werden, was wir immer noch sehr schade finden, die Arbeit an dem Magazin war aus ganz verschiedenen Gründen ein Herzensprojekt von uns.

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Was motiviert euch als Gestalter? Was »kickt« euch daran?

Christine: Definitiv die verschiedenen Thematiken. Dass einem jedes Projekt einen anderen Bereich bietet, mit dem man sich auseinandersetzen kann. Sei es die Recherche zum ersten Weltkrieg bei den Einstürzenden Neubauten, die Beschäftigung mit dem Hebräischen und hebräischer Kalligrafie beim Jüdischen Museum oder die immer verschiedenen gesellschaftlichen Themen, mit denen wir uns bei der Revue beschäftigt haben. Ein anderer Aspekt ist, dass man auf seinem Gebiet nie ausgelernt hat, man kann immer noch besser werden, sich spezialisieren, ein Experte auf seinem Gebiet werden, sich entwickeln. Alles bleibt in Bewegung, es gibt immer wieder neue Dinge, die man noch nicht gesehen, nicht ausprobiert und für sich erschlossen hat. Wir schließen auch nichts aus und sind gespannt, wo uns diese Arbeit eventuell einmal hinführen wird.

Patrick: Zusätzlich ist natürlich die Typografie zu nennen — eine passende Schrift auswählen, die dem entsprechenden Thema einen ganz bestimmten Charakter verleiht, ist eine immer neue spannende Herausforderung. Kleine Details sind uns sehr wichtig und entscheiden den Gesamteindruck. Der Austausch mit den unterschiedlichsten Menschen und Erfahrungen darüber ist spannend und bringt einen immer weiter.

Patrick, du bist Mitherausgeber von Design made in Germany. Wie kam es eigentlich dazu?

Patrick: Ich war damals vier Jahre im Team des Encore Magazins, einem Online-Magazin über Kunst, Design und Fotografie und hatte dort schon Online Magazin Erfahrung gesammelt. Das Magazin wurde dann 2008 eingestellt. In der Zeit habe ich diverse Personen kennengelernt, unter anderem Martin von Design made in Germany. So kam es, dass ich dann Anfang 2009, zusammen mit Nadine Roßa, das Magazin von Design made in Germany aufgebaut habe. Ich bin vor allem redaktionell und organisatorisch tätig. Derzeit sind wir bei Dmig dabei, die Kategorien des Portals zu erweitern und wir haben vor Kurzem angefangen, Workshops zu organisieren. Ansonsten versuchen wir, dem Namen »Design made in Germany« möglichst gerecht zu werden: herausragendes Design aus Deutschland präsentieren – eine Repräsentanz für deutsches Design werden. Mal sehen, wie sich das weiterentwickelt.

Glaubt ihr, dass Gestaltung – also auch eure Gestaltung – unsere Gesellschaft maßgeblich beeinflusst und einen wichtigen Effekt auslöst oder erfüllt gute Gestaltung eher eine bestimmte Funktion?

Christine: Gestaltung umgibt uns überall, deswegen ist es erster Anspruch, dass sie gut ist. Wir werden von unserem Umfeld maßgeblich beeinflusst, auch wenn das größtenteils unbewusst passiert. Gestaltung ist Lebenskultur und wenn man Menschen durch gute Kommunikation erreichen kann, ist sie erfolgreich. Unsere Aufgabe ist es, diese Kommunikation zielführend, anspruchsvoll und geschmackvoll zu realisieren. Funktional gesehen, ist es etwas sehr Alltägliches, mit dem Anspruch, für alle in gleichem Maße zugänglich zu sein.

Wie geht ihr an einen Auftrag heran? Gibt es da ein Schema, nachdem ihr vorgeht?

Christine: Ein bestimmtes Schema gibt es nicht, eher eine Verteilung der Arbeitsbereiche. Die Kommunikation im Team ist dabei das Wichtigste.

Patrick: Also möglichst ausführliche Gespräche mit dem Auftraggeber, klare Kommunikation, viel zuhören und eine gute Planung sind wesentlich.

Gibt es etwas, dass all eure Projekte verbindet oder seht ihr jedes Projekt für sich neu?

Patrick: Ich denke, unser Schwerpunkt Typografie verbindet den Großteil unserer Projekte. Schrift ist sehr vielseitig, wichtiger Bestandteil der Gestaltung und Träger vieler Informationen. Sie kann auch sehr emotionsstark sein! Und es ist ein schönes Gefühl, nach stundenlanger Feinarbeit einen Text vor sich zu haben, bei dem wirklich jeder Abstand sitzt.

Christine: Jedes Projekt steht für sich. Was bei jedem Projekt gleich ist, ist die Aufmerksamkeit die wir ihm schenken. Grundsätzlich freuen wir uns vor allem über jede Art neuer Herausforderung.

 Wie unterscheidet sich Gestaltung auf Papier von digitaler Gestaltung aus eurer Sicht?

Christine: Meiner Meinung nach erzeugt ein physisches Produkt ein emotionaleres Erlebnis als ein digitales. Am Beispiel eines Buches gesehen macht es einen Unterschied, dieses wirklich in der Hand halten zu können, es fühlen und riechen zu können und die Gebrauchsspuren sehen zu können. Dass man es tatsächlich besitzen und erleben kann, macht es irgendwie lebendig. Dieser emotionale Wert ist auch nicht ersetzbar. In anderen Fällen macht ein digitales Produkt einfach mehr Sinn und ist ebenso wertvoll. Damit ein emotionales Erlebnis zu schaffen, ist mit anderen Mitteln möglich. Wir haben natürlich in beiden Bereichen zu tun, wenn auch die Arbeit mit Druckprodukten am ehesten unserer Leidenschaft entspricht.

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Ein Blick in‘s Designstudio »Langesommer«

Welche Vorteile bietet Druck aus eurer Sicht?

Patrick: Er kommt viel verlässlicher und mit mehr Ernsthaftigkeit und vor allem mit viel mehr Langlebigkeit daher. Bei Druckpublikationen wird, denke ich, mehr Korrektur gelesen und Fakten überprüft, bevor diese veröffentlicht bzw. produziert werden. Ein Buch, Magazin oder Ähnliches kann man noch nach sehr vielen Jahren aus dem Regal holen. Nach einem langen Tag am Rechner ist es einfach schön, analog zu lesen und etwas haptisch Ansprechendes in der Hand zu haben.

Wiederholt sich gute Gestaltung einfach nur immer wieder? Was ist aus eurer Sicht jetzt das wirklich Neue? Was bestimmt die Gestaltung heute wirklich neu?

Christine: Wiederholung findet immer statt. Es gibt Prinzipien, die sich bewährt haben. Es ist die Kombination oder Art der Umsetzung die etwas »neu« machen. Etwas tatsächlich »Neues« gibt es bekanntermaßen nicht – irgendjemand irgendwo hatte mit Sicherheit schon die gleiche Idee. Dennoch ist man immer wieder auf der Suche danach. Das ist ja auch der Antrieb – der jedes einzelne Projekt spannend macht. Man versucht immer etwas zu schaffen, was in der Art vielleicht noch nicht da war bzw. es einfach besser zu machen.

Ihr arbeitet auch für Kulturkunden. Kann man mit sowas überhaupt Geld verdienen oder macht man das für die Reputation und das schöne Ergebnis?

Christine: Haha, ja, das ist in der Tat nicht der gewinnbringendste Bereich … unsere Schwäche liegt wohl darin, dass wir bei einer interessanten Aufgabe schwer Nein sagen können bzw. dann auch nicht Nein sagen wollen. Es geht natürlich auch darum, dass man die Möglichkeit bekommt, etwas »Schönes« zu machen oder das Gefühl hat, »kreativer« arbeiten zu können als in anderen Feldern. Die Referenz ist eine angenehme Folge. Es muss dabei aber immer noch das Verhältnis stimmen; entweder man arbeitet an einem spannenden Projekt und kann es verkraften, weniger daran zu verdienen oder man arbeitet an einem etwas weniger interessantem Projekt, an dem man dann aber wieder gut verdient. Beides zusammen wäre natürlich das Optimum. Wir können uns zum Glück für ziemlich viele Sachen begeistern, man muss jeweils nur das Richtige dabei rausholen. Da kommen dann auch unsere unterschiedlichen Kompetenzen ins Spiel. Patrick ist gut darin, typografische Details auszuarbeiten, Mengentexte zu setzen, Projektakquise zu betreiben oder Pressearbeit zu leisten. Ich bin stark in der Konzeptentwicklung, Designentwicklung und dem kreativen Prozess im Allgemeinen. Das ergänzt sich gut.

Patrick: Insgesamt interessieren wir uns einfach sehr für Kulturthemen. Wir nehmen uns gerne die Zeit, uns in neue Themen einzulesen.

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Gibt es einen bestimmten Grund, warum ihr euch in Berlin selbständig gemacht habt?

Christine: Nein, das hat sich so ergeben. Ich bin zufällig wieder hier gelandet, hatte eh schon einen Bezug zur Stadt. Langesommer hat sich eher durch das richtige Projekt ergeben, das war keine geplante Sache.

Patrick: Ja, ich bin damals wegen der Stadt nach Berlin gezogen. Zuvor in Mainz und Frankfurt hatte ich auch schon frei gearbeitet. Und es war Glück, dass ich Christine hier getroffen habe und wir beide ähnliche Vorstellungen von guter Gestaltung haben.

Wolltet ihr eigentlich schon von Kind an Designer werden?

Christine: Haha, ja. Ich kann das für meinen Teil bestätigen. Also, dass ich zumindest etwas im gestalterischen Bereich machen wollte, war mir schon sehr früh klar. Meine Oma erzählt bis heute besonders gern, dass wenn sie mir als Kind ein neues Buch geschenkt hat, ich zunächst einmal begeistert die Oberfläche gestreichelt hätte, bevor ich mich dem Inhalt zuwandte. Wirklich definiert hat sich die Vorstellung von Grafikdesign dann aber erst später.

Patrick: Ich habe mich ja schon immer für schöne Bücher begeistert. Deswegen stand die Richtung auch schon früh fest.

Christine, du hast in Weimar und in New York studiert, warst in Reykjavík und Wien tätig. Sind die verschiedene Stationen für eure heutige Arbeit relevant und warum?

Christine: Oh, da könnte ich jetzt viel erzählen. Es ist alles relevant, vor allem New York und Reykjavík waren prägende Stationen. New York, weil ich dort ein freies Projekt gemacht habe, worüber ich ganz viele interessante Menschen kennengelernt und auch im Austausch über deren kreative Arbeit viel mitgenommen habe. Reykjavík, weil das eine der angenehmsten und dadurch sehr inspirierenden Arbeitserfahrungen war, die ich mir bis heute zum Vorbild nehme.

Welche Veranstaltungen besucht ihr und wo kann man euch begegnen?

Christine: Wir haben die letzten zwei Jahre, zusammen mit Amichai Green, einen Workshop zu hebräischer Kalligrafie auf der TYPO Berlin organisiert und geleitet – sind aber auch sonst meist jedes Jahr dort. Vor zwei Jahren waren wir auf der Creative Paper Conference in München um einen Vortrag zu halten, die ich hiermit nur jedem ans Herz legen kann, der in irgendeiner Form mit Papier zu tun hat. Welche Konferenz uns auch noch besonders gut gefällt, ist die QVED in München, die ein wirklich spannendes Programm im Bereich Editorial Design auf die Beine stellen. Weiter sind die Creative Mornings in Berlin auch immer gute Anlässe, einmal früher aufzustehen und ab und zu kann man uns da auch persönlich treffen! Würde uns freuen, dem ein oder anderen dort begegnen zu dürfen. Und wer uns in Berlin besuchen möchte, sollte uns einfach direkt kontaktieren!

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Workshop Typo Berlin 2014: »Hebräische Kalligrafie« zusammen mit dem Jüdischen Museum Berlin

Und habt ihr zum Schluss vielleicht noch einen guten Ratschlag für junge Designer?

Patrick: Probiert vieles aus und schaut, was euch wirklich Spaß macht und fokussiert das möglichst! Macht freie Projekte!

Christine: Startet eigene Projekte – das kann ich nur bestätigen und doppelt unterstreichen. Es ist wichtig, in Bewegung zu bleiben und das zu tun, wofür das eigene Herz schlägt, dann kann eigentlich auch nichts schief gehen.

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