Startseite Business Events & Promotions Analog Mensch Digital Analog Mensch Digital: Interview Eps51

Ben Wittner kommt ursprünglich aus Ingolstadt und hat mit Sascha Thoma aus Rheinfelden in der Goldstadt Pforzheim studiert und dort das notwendige Geld fürs Studium mit den ersten gemeinsamen Jobs verdient. Von 2004 bis 2007 waren sie in Kairo, Brighton, London, Paris und Brüssel unterwegs. 2008 wurden sie dann in Berlin sesshaft, Auslöser dafür war die Arbeit an dem Buch „Arabesque – Graphic Design from the Arab World and Persia“, das sie mit dem Die Gestalten Verlag herausbrachten. 2010 hat der Memminger Daniel Fürst das Team komplettiert.

Aber was ist Eps51 überhaupt? Sind das „Earnings per share“ oder ist das ein „Encapsulated PostScript“? Es könnten hier auch auf den Konsum von Psychopharmaka zurückzuführende „Extrapyramidal Symptoms“ die Runde machen, über die Area 51, mit der Eps zu tun hatte, sprechen wir lieber gar nicht … Nein, alles falsch. Als Ben und Sascha ihre gemeinsame Arbeit aufnahmen, wohnten sie in der Erbprinzenstraße 51 in Pforzheim.

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Eps51 ist ein kleines, flexibles Design-Studio, das gerne neue Wege geht und großen Wert auf experimentelle, saubere Typografie legt. Außerdem spielen alle drei sehr gut Tischtennis, sie zaubern auch schnell mal ein kleines Grillfest vor ihr Büro. Die Spezialität des Hauses macht aber die Affinität zum arabischen und persischen Raum aus. Dort haben sie viel Zeit verbracht und sind mittels diverser interkultureller Projekte zu Experten des bilingualen Designs mit arabischer Typografie geworden.

Für wen arbeitet Eps51?

Wir arbeiten hauptsächlich für Kunden aus der Kulturbranche, sind aber auch durchaus für kommerzielle Auftraggeber, z. B. aus den Bereichen Mode, Gastronomie oder für Messeveranstaltungen tätig. Das letzte große Kulturprojekt, zu dem wir eingeladen wurden, war Alwan338 – Foundations, eine Gruppenausstellung in Bahrain, an der 15 internationale und 20 nationale Künstler teilgenommen haben.

Unser letztes, selbst initiiertes Kulturprojekt war Right-To-Left – eine Ausstellung, in der über 160 Poster aus dem arabischen Raum und Iran präsentiert wurden. Erste Station des Projekts war Berlin, wozu wir ca. 20 Designer und Künstler eingeladen hatten, Vorträge über ihre Arbeit, die Entwicklung der arabischen/iranischen Designszene und auch über die politischen Situationen in den jeweiligen Herkunftsländern zu halten.

Warum seid Ihr in Berlin?

Die meisten unserer Kunden kommen gar nicht aus Deutschland, also könnten wir theoretisch genauso gut woanders wohnhaft sein. Momentan ist Berlin aber kein schlechter Ort zum Leben – man fühlt sich inmitten ähnlich gesinnter Artgenossen einfach sehr wohl. Unser heimlicher Plan ist es aber, nach China auszuwandern, um von dort aus die Welt zu erobern.

Was ist Inspiration für Dich?

Inspiration kann alles sein – sie ist nicht unbedingt vom Ort selbst abhängig, sondern vom Betrachter. Insofern kann eine triste Plattenbausiedlung genauso inspirieren wie die multikulturellen Straßen von Kreuzberg oder Neukölln.

Wie macht man Kunden glücklich?

Je nach Komplexität des Auftrags entwickeln wir verschiedene Ansätze und Layouts, die dann diskutiert werden. Während der Auseinandersetzung darüber schaffen wir es, Ansätze zu verknüpfen, woraus schlussendlich das letztgültige, „perfekte“ visuelle Konzept entsteht, das wir zusammen mit dem Kunden finalisieren. Im Optimalfall ist der dann glücklich – und wir sind es auch. This is how we do it.

Muss man Kunden überzeugen lernen?

Natürlich – da gibt’s ein nettes Beispiel: Eine Kundin, für die wir eine Website erstellten, hatte sich zum Betrachten der Entwürfe die komplette Site inklusive aller Unterseiten auf A4 ausgedruckt. Es hat viel Zeit und Einfühlungsverm.gen gekostet, die Dame davon zu überzeugen, dass man sich eine Website auf dem Bildschirm anschaut – nicht auf Papier.

Steht Grafikdesign vor einer bestimmten Herausforderung?

Vor einer stetig und erkennbar abnehmenden Wertschätzung. Es wird immer schwieriger, Kunden begreiflich zu machen, was gutes Design wirklich wert ist. Ein Verständnis für individuelle Beratung, Kommunikation und für den notwendigen Prozess, der mit visueller Identitätsentwicklung einhergeht, ist die Basis für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Wie seht Ihr deutsches Design im internationalen Vergleich?

Deutsches Design ist anscheinend dafür bekannt, geradlinig und traditionsbewusst zu sein – das ist oft mit exakter Typografie und der Einhaltung von Rastern und Regeln verbunden – effizient eben. Wenn man sich die Geschichte so ansieht, gab es aber immer schon Ausreißer, die genau diese Regeln gebrochen haben und damit Neues erschaffen haben. Allerdings wird es wohl immer schwerer, Gestaltungsstile lokal voneinander zu unterscheiden. In der heutigen Zeit der Globalisierung und Vernetzung, insbesondere auch durch das Internet sind Gestalter unterschiedlichster Kulturen miteinander verbunden, agieren vernetzt und kooperieren immer öfter – natürlich wird man dadurch beeinflusst; kulturelle Eigenheiten und Stile vermischen sich.

Kann Grafikdesign die Welt vor dem Untergang retten?

Nichts wird die Welt vor dem Untergang retten. Allerdings bietet Grafikdesign uns visuellen Gestaltern die Möglichkeit, Kommunikation und interkulturellen Austausch zu fördern. Diese Fähigkeit können, sollen und wollen wir zum Einsatz bringen.

Ihr habt Euch mit Individualität und Konformität beschäftigt, wie das?

Grundsätzlich sind digitale Bilddatenbanken wie Shutterstock darum bemüht, möglichst viele Nutzer zufriedenzustellen und dabei eine große Bandbreite an Motiven zur Verfügung zu stellen. Und trotzdem entdeckt man immer noch sehr ähnliche Motive, insbesondere bei den ersten Suchergebnissen – und genau darauf baut unsere Plakatserie auf. Wir haben uns auf die Suche nach den absoluten Klassikern der Stockfotografie gemacht. Inspiriert von René Magrittes „Ceci n’est pas une pipe“, beschreiben wir auf unseren Postern genau das, was der Betrachter sieht … nämlich ein Stockfoto von einer Familie im Park auf einer Decke – oder von einem Mann mit einer Pfeife im Mund.

Innerhalb der Ausstellung kehren wir das Ganze um. Wir lassen die Motive von einem Onlineanbieter in Indien nachmalen. Aus einem digitalen Massenprodukt, das weltweit zugänglich ist, schaffen wir mittels Onlineanbieter, auf den ebenfalls weltweit zugegriffen werden kann, ein analoges, individuelles Unikat. Aus einem Massenprodukt wird so durch eine Massendienstleistung wiederum ein individuelles Unikat Individualität wird zur Massenware.

Design Director: Philippe Intraligi
Text & Interview: Valentin von Vacano

Fotos: Julian Baumann
Kamera: Halil Özet, Tomislav Smiljanic
Ton: Tomislav Smiljanic
Schnitt: Leonhard Lierzer

Analog Mensch Digital – Design an der Schnittstelle

Analog Mensch Digital ist eine Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit 10 wegweisenden deutschen Design-Studios realisiert wurde. Deutsche Designer präsentieren Visionen menschlicher Existenz innerhalb von digitalen Welten. Wie fühlt sich unser Morgen an? Was ist bereits möglich und was soll Technik in Zukunft für uns leisten? Plakate, Happenings, Interviews und Rauminstallationen begleiten die Ausstellung.

Die Ausstellung bleibt vom 6. – 15.9.2014, 12.00 – 18.00 Uhr für Besucher geöffnet. Der Eintritt ist frei.