Spätestens seit der legendären „Das MoMA in Berlin“ Ausstellung im Jahr 2004 gibt es in der deutschen Hauptstadt einen wesentlichen Indikator für die Relevanz einer Ausstellung: Die Schlange. Lange Schlangen sind seitdem ein Qualitätsmerkmal. Gemessen daran, ist die Eröffnung der von Shutterstock initiierten und kuratierten Ausstellung „Analog Mensch Digital – Design an der Schnittstelle“ ein voller Erfolg gewesen. Ich brauchte eine halbe Stunde, um mich Stück für Stück in Richtung Eingang zu bewegen. Mehr als 1.000 Besucher zog der Eröffnungsabend an. Und das, obwohl zeitgleich an diesem spätsommerlichen Abend mit dem Berlin Festival und der IFA zwei Mega-Events stattfanden.

Design trifft also einen Nerv und erzeugt Neugierde. Was zunächst mal nicht verwundert in einer Stadt, in der es tausende Designer und Designstudios gibt. Doch so sehr die Ausstellung vielleicht ein reines Fachevent hätte sein können, so erfreulich war es doch zu sehen, wie bunt gemischt das Publikum war. Auch wenn es abgedroschen klingt: Jung und Alt hatten sich versammelt um stehend – oder teilweise krabbelnd – einen Blick auf das zu werfen, was insgesamt zehn der renommiertesten deutschen Designstudios zu der Ausstellung beigetragen haben.

Jedes Studio verfügt über ein eigenes Zimmer im wunderschönen Direktorenhaus, was den einzelnen Beiträgen eine gewisse in sich geschlossene Stimmung verleiht. Bis kurz vor Ausstellungsbeginn wurde tage- und nächtelang in den Räumen gearbeitet, um die Ausstellungsbeiträge zu installieren. Als Besucher hat man in der Tat das Gefühl in jedem Raum eine neue Welt zu betreten und sich von einer weiteren Interpretation des Ausstellungsthemas inspirieren zu lassen. Die Beiträge sind dabei eine gute Mischung aus reinem Betrachten und Interagieren.

So konnte man sich also bei launigen Beats zwischen guten Drinks und sorgfältig komponierten Snacks auf eine ziemlich spannende Reise entlang der Schnittstelle des Menschlichen, Analogen und Digitalen begeben. Und natürlich war der gesamte Abend auch irgendwie ein Familientreffen, bei dem sich Freunde, Kollegen und Kooperationspartner in wirklich wunderschöner Atmosphäre austauschen konnten. Fast wirkte der Abend wie zehn verschiedene Wohnzimmer-Partys auf einmal. Sehr sympathisch.

Traditionell fällt es schwer einzelne Teile der Ausstellung herauszuheben. Gemessen an meinem subjektiven Eindruck und dem permanenten Andrang im Ausstellungsraum von Quintessenz zählt deren Beitrag „human digital identity“ jedoch zu einem persönlichen Highlight. Hinter Quintessenz stehen Thomas Granseuer und Tomislav Topic. Gemeinsam entwickelten sie einen Ausstellungsbeitrag, der sich mit der Frage nach den Spuren, die User im Internet hinterlassen, befasst. Je mehr Zeit wir in digitalen Welten verbringen, desto undeutlicher wird das Bild von uns in dieser Welt. Quintessenz entwickelte deshalb Plakate von Personen, auf denen Bildinformationen verschwinden und die Aufnahmen folglich undeutlicher werden – sozusagen als plakativen Beleg für dieses Phänomen. Besonders vor dem Hintergrund der Tatsache, dass zahlreiche Menschen viel Zeit damit verbringen online ein gewisses Bild von sich entstehen zu lassen und eine digitale Reputation zu pflegen, legt dieser Beitrag den Finger in die Wunde unseres alltäglichen digitalen Narzissmus: Wir verschwimmen, verlieren unsere Konturen, unsere Personen erscheinen unkenntlich. Die Arbeit von Quintessenz macht dabei aber natürlich nur eine vieler interessanter Ausstellungspositionen aus.

Übrigens, die kurzen Werkbeschreibungen, welche sämtliche Arbeiten ergänzen, lohnt es sich in jedem Fall zu lesen. Wer auch nur das geringste Interesse an Design hat, sollte sich die Ausstellung unbedingt ansehen. Wer beruflich mit dem Thema zu tun hat, für den ist der Besuch ein Pflichttermin!

Beteiligte Studios:
Deutsche & Japaner, Elastique., Eps51, Fons Hickmann m23, Hort, Johannes von Gross, Studio Nand, Quintessenz, Swipe, Universal Interaction.

Analog Mensch Digital – Design an der Schnittstelle

Analog Mensch Digital ist eine Ausstellung, die in Zusammenarbeit mit 10 wegweisenden deutschen Design-Studios realisiert wurde. Deutsche Designer präsentieren Visionen menschlicher Existenz innerhalb von digitalen Welten. Wie fühlt sich unser Morgen an? Was ist bereits möglich und was soll Technik in Zukunft für uns leisten? Plakate, Happenings, Interviews und Rauminstallationen begleiten die Ausstellung.

Die Ausstellung bleibt vom 6. – 15.9.2014, 12.00 – 18.00 Uhr für Besucher geöffnet. Der Eintritt ist frei.

Direktorenhaus, Am Krögel 2, 10179 Berlin